Als Brasilien um die WM zitterte…

von Carsten Germann14:22 Uhr | 12.11.2021
Foto: Imago

Das war’s! Ein Das 1:0 (0:0) gegen Kolumbien in der Nacht zum Freitag hab in der Südamerika-Gruppe der WM-Qualifikation Fakten geschaffen. Rekord-Weltmeister Brasilien beseitigte letzte Zweifel an der WM-Teilnahme 2022 in Katar.

Die „Selecao“ sicherte sich durch einen Treffer von Lucas Paqueta mit 18 Zählern Vorsprung vor dem Tabellensiebten Uruguay vorzeitig das WM-Ticket – und das vor dem „Superclasico“ in Argentinien am kommenden Mittwoch.

Brasilien spielte eine souveräne WM-Qualifikation – elf Siege und nur ein Remis aus zwölf Partien. Superstar Neymar (29) ist mit sieben Toren aus zehn Einsätzen bester Torjäger der Südamerika-Gruppe hinter Boliviens Marcelo Moreno (acht Treffer). Dass Brasiliens WM-Teilnahme ein Selbstläufer ist, ist die Regel.

Die Ausnahme waren jedoch die Quali-Kampagnen, in denen der fünfmalige Weltmeister bis zum Schluss zittern musste. Aber: Es gab sie.

WM 2002: Verblüffende Parallele zwischen Deutschland und Brasilien

2002 holte die brasilianische Nationalmannschaft mit Stars wie Ronaldo, Rivaldo, Cafu oder Lucio in Japan gegen die DFB-Elf ihren letzten Titel. Der Weg ins Finale von Yokohama war jedoch steiniger, als es selbst der unbedarfteste Brasilianer vermutet hätte. 2000/2001 spielte die „Selecao“ – ebenso wie die deutsche Fußball-Nationalmannschaft – keine gute WM-Qualifikation. England schickte die Mannschaft von Teamchef RudiVöller erstmals in der DFB-Geschichte in die Playoffs.

Brasilien stand im Sommer 2000 ebenfalls auf dem Playoff-Rang der Südamerika-Gruppe. Ein 1:2 in Paraguay sorgte für Unruhe in dem fußballverrückten Land. Eine WM ohne Brasilien? Eigentlich undenkbar. Ein 1:1 gegen Peru im April 2001 verschärfte die Situation aber für das Team um Weltmeister und Kapitän Romarío. Die Brasilianer lagen nur noch drei Punkte vor dem nicht zur WM-Teilnahme berechtigenden sechsten Platz (Uruguay). Am 1. Juli 2001 verloren sie gegen die „Celeste“ auch das direkte Duell (0:1). Ein Eigentor von Cris zum 1:2 am 6. September 2001 in Argentinien machte die Dinge nicht besser. Punktgleich mit Uruguay musste Brasilien zittern bis zum Schluss. Erst ein 3:0 (3:0) gegen Venezuela rettete der Mannschaft des bärbeißigen Trainers Luiz Felipe Scolari die WM.

Eine ,,Endzeitschlacht monumentaler Wichtigkeit"

Noch knapper, noch legendärer war es am 3. September 1989. „Vergesst die Hand Gottes! Die größte Fußballlüge erzählte Chiles Torhüter Roberto Rojas. Er schlitzte sich dafür sogar die Stirn auf“, schrieb 11 FREUNDE (2018) über den Skandal um die entscheidende WM-Qualifikationspartie Brasilien gegen Chile in Rio de Janeiro. Chile half auf dem Weg zur Weltmeisterschaft 1990 in Italien nur ein Sieg beim Nachbarn und Erzrivalen. Brasilianische Medien schrieben über eine „Endzeitschlacht monumentaler Wichtigkeit.“

Rojas fühlte sich berufen, sich für diese offenbar etwas Einmaliges auszudenken. Er nutzte das Zünden einer Leuchtrakete auf den Rängen, wo 180.000 Fans im Maracana nach dem Treffer von Careca zum 1:0 ausrasteten, zu einer unglaublich perfiden Aktion.

1989: Ein unglaublicher Skandal hilft Brasilien

Rojas hatte eine Rasierklinge in seinem linken Torwarthandschuh versteckt. Er holte sie (scheinbar) unbemerkt raus, verletzte sich selbst im Gesicht. Seine offensichtliche Verletzung – Rojas wurde vom Platz getragen – führte zum Chaos von Maracana und zum Spielabbruch. Aufgeklärt wurde der als „Bengalazo“ bekannte WM-Quali-Skandal durch die Fotografen Ricardo Alfieri und Paulo Teixeira. Ihre Fotos ließen erst Zweifel an Rojas‘ Version der Horror-Geschichte – und dienten dann als Beweismaterial. Die Folge: Die FIFA ermittelte. Der chilenische Keeper wurde auf Lebenszeit gesperrt, die Partie mit 2:0 für Brasilien gewertet, das damit zur WM nach Italien fahren durfte. Chile blieb bis 1998 von WM-Turnieren ausgeschlossen. 



Niederlagen helfen nicht, nein.

— Christian Streich auf die Frage, ob ein 1:2 gegen Wolfsburg ein Rückschlag war...